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Wenn man über in Deutschland beheimatete männliche Tänzer spricht, so muß man unbedingt auch den authentischsten und volkstümlichsten Tänzer nennen:
Pierre Moussa.

Er ist im Libanon geboren worden, hat dort den Tanz sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen, ist nach Deutschland gelangt, konnte aber nicht in seine Heimat zurück und ist geblieben. Sehr zu seinem und unserem Vergnügen. Aber lest selbst, was der erlebt, gemacht und geliebt hat und immer noch liebt …

 

DIE LIEBEN DES PIERRE MOUSSA

Interview mit dem libanesischen Künstler

von Marcel Bieger

Erzähle uns bitte von deinen Anfängen im Libanon. 

Mit 14 habe ich angefangen zu tanzen, man hat mich entdeckt und in einer Tanz- und Musikgruppe aufgenommen. Die ist nicht nur im Libanon, sondern auch in Jordanien und in Syrien aufgetreten. Hotels haben uns gebucht, unsere Shows haben erst nach 23 Uhr begonnen und bis 3 Uhr morgens gedauert. Wir durften aber nichts ins Restaurant und uns auch nicht unter die Gäste mischen. Es war eine tolle Zeit, und ich möchte sie nicht missen. Aber es war auch eine unruhige und unstete Zeit, weil seit den 70er Jahren immer wieder Bürgerkriege und andere Unruhen im Libanon und in der ganzen Region ausgebrochen sind.

Manchmal konnten wir nicht in den Libanon zurück, weil die Grenzen geschlossen waren. Dann haben wir Taxifahrer gebeten, unseren Familien einen Gruß auszurichten oder Botenfahrten für uns zu erledigen. Das haben sie getan, denn Taxis sind überall durchgekommen.

1989 bist du nach Deutschland gekommen und geblieben … 

Damals wollte der Botschafter von Dubai in Deutschland eine „Dubai-Woche“ durchführen; dazu sollte dort eine Kapelle mit orientalischem Tanz und ebensolcher Musik auftreten. Damals gab es aber in ganz Dubai keine solche Kapelle. Da wir gerade in Dubai auf Tournee waren, hat man schließlich uns gefragt, ob wir nicht auf der Dubai-Woche in Deutschland auftreten wollten. Was sie uns geboten haben hat gestimmt, und so haben wir ja gesagt. Unser Vertrag sah vor, daß das „Pierre & Pierre Moussa Ensemble“ (beide Bandleader hießen Pierre Moussa) Musik machen, unsere beiden Frauen ein Solo tanzen und die Männer arabisch tanzen sollten. 

Die Dubai-Woche war aber irgendwann vorbei … 

Wir waren erst in Frankfurt/M. und dann in Düsseldorf, wo ich seitdem geblieben bin. Khalid Hassan und Nabila, die Besitzer des orientalischen „Zedern“-Restaurants in Düsseldorf haben uns gesehen und für ihr Lokal engagiert.

Wir sind eine ganze Weile dort geblieben, und irgendwann habe ich Heimweh bekommen. Doch ich konnte nicht zurück, weil im Libanon wieder ein Bürgerkrieg ausgebrochen war. Hassan hat mich daraufhin gefragt, ob ich nicht in Deutschland bleiben wolle. Ja, wollte ich, und dann habe ich hier auch meine große Liebe, Maria, kennengelernt, natürlich im „Zedern“, und später haben wir geheiratet. Das war 1991, und 1994 kam unsere Tochter Jasmin zur Welt.

Du bist beinahe jeden Abend aufgetreten, aber irgendwann kam die Schneiderei hinzu. 

Das war 1994. Bis dahin war ich im „Zedern“ engagiert. Aber dann kam Jasmin, und ich habe mir gesagt, ich müßte jetzt für meine Tochter ein regelmäßigeres Einkommen haben. Die Restaurant-Tanzerei hat mir zwar viel eingebracht, aber das Geld kam doch mal so und mal so. Aufgrund der ständigen Wirren im Libanon konnte ich keinen Schulabschluß und auch keine Lehre zu Ende machen.

Doch das Schneidern liegt mir im Blut, und was ich noch nicht wußte, habe ich mir selbst beigebracht. So öffnete also 1994 der Jasmin-Bazar seine Pforten, und Nabila, Manis und Shahrazad gehörten zu meinen ersten und treuesten Kundinnen; wenn ich mich recht erinnere, war Manis sogar die allererste. Meine Kundinnen sind stets zufrieden gewesen, und wir nähen ja auch an Ort und Stelle um oder erfüllen Sonderwünsche. Wir sind auch bei der Veranstaltung „1001 Nacht“ von Mannesmann, bei der Cebit in Hannover und bei Veranstaltungen der Telekom aufgetreten.

Später haben wir den Laden in „Jasmina Atelier“ umbenannt, danach hieß er „Jasmina Basar“, und heute verkaufen wir nur noch auf Festivals. Den eigentlichen Laden habe ich geschlossen, weil Jasmin mittlerweile auf eigenen Füßen steht.

Ich habe das Schneidern immer geliebt, so sehr wie das Tanzen. Maria hat mich sehr unterstützt, als ich den Laden aufgemacht habe, und mir den Rücken gestärkt. Wir sind zwar heute geschieden, aber wir haben heute immer noch ein liebevolles Verhältnis.

Und dazu noch eine Tanzschule … 

Die lief bis 2016, Maria war auch mit dabei, aber irgendwann geht alles einmal zu Ende. Wir haben vor allem orientalischen Tanz und orientalischen Volkstanz unterrichtet, und zwar in der originalen, authentischen Form. 

Was macht dein Ensemble? 

Das Pierre Moussa Ensemble hat zur Zeit acht Mitglieder, und wenn ich dabei bin, sind wir neun. Jasmin hat von 3 bis 13 Jahren mitgetanzt, dann wurden ihr andere Tänze wichtiger; ich erinnere mich an Hip Hop und Ballett. Aber seit sie 16 zählt, ist sie wieder bei uns. Wir tanzen klassisch orientalisch, orientalische Volkstänze, auch „Beduinentanz“ und auch ein bißchen Fusion, was wir dann „Medley“ oder „Cocktail“ nennen. Bekannt sind wir vor allem für unseren Dabke, aber das ist ja auch ein libanesischer Volkstanz.

Es ist bereits das dritte Ensemble dieses Namens und tanzt zusammen seit 2010. Vier von ihnen waren auch bei Manis‘ Projektshow in diesem Jahr und drei auf der Gala. Die restlichen waren woandershin gebucht, das Pierre Moussa Ensemble ist halt sehr begehrt.

Das Ensemble hatte die beiden Tänze für die Manis-Shows ganz neu einstudiert, nach neuen Choreographien von mir.

Wenn ich etwas Neues in Angriff nehme, beginnt alles mit einer bestimmten Musik. Für die und nach der choreographiere ich dann, und in das Stück kommt alles hinein, was mir dazu einfällt. Daraus hat sich dann mein Stil entwickelt.

Und nicht zu vergessen deine Show-Reihe, „Die Nächte von Beirut“, steht da nicht bald die nächste an? 

Stimmt, 2019 gibt es wieder die „Die Nächte von Beirut“. Die Reihe läuft seit über zehn Jahren, und ich habe von Anfang an Wert darauf gelegt, daß in meiner Show der

klassische OT und klassische Volkstänze im Vordergrund stehen. Mojgan tritt regelmäßig mit persischen Tänzen bei mir auf, Shahrazad mit Bollywood und Manis mit ihren Fusion-Tänzen. Für 2019 ist übrigens etwas ganz Tolles geplant.

Vor kurzem hat man dich in Manis‘ Projekt-Show 2018 „Reise der Karawane“ gesehen. 

Seit Jahren verfolge ich die Projekt-Show mit großem Vergnügen, und ich bin dort selbst schon, als Gast, aufgetreten. Manis und ich arbeiten schon länger auf verschiedenen Gebieten zusammen, und da lag es eigentlich in der Luft, daß ich es noch einmal in ihrer Projekt-Show „rocken“ lassen sollte ((Pierre ist dieser Ausdruck nicht sehr recht, aber etwas Besseres ist ihm nicht eingefallen, und so setzen wir ihn in Anführungsstriche)). Ich freue mich immer sehr, dort viele alte Freunde wiederzutreffen.

Homepage: https://orientalisches-feuerwerk.de.tl/Jasmina_Basar.htm


Pierre Moussa (Jasmina Basar) bei facebook ...
Jasmina Basar bei facebook ...
Pierre Moussa und seine Tochter Jasmin
Pierre Moussa und sein Ensemble (Die Nächte von Beirut 2014)
Pierre Moussa und sein Ensemble (World of Orient 2016)